Guten Morgen,
meine Tochter ist 14 1/2. Wir leben seit ihrem 7. Lebensjahr im Wechselmodell mit zunächst wöchentlichem Wechsel, seit ca. 2 Jahren im zweiwöchentlichen Wechsel. Ich bin mit meiner Tochter immer im Austausch darüber geblieben und habe ihr auch gesagt, dass sie jederzeit sagen darf, wenn sie mit dem Wechseln nicht mehr klar kommt.
Jetzt ist es soweit. Beim letzten Wechsel ist sie nur noch mit ganz wenigen Sachen zu mir gekommen und ich habe vermutet zu spüren, dass sie das Wechseln nervt. Ich habe sie darauf angesprochen und sie hat das sofort bejaht und gesagt, dass sie gerne fest bei ihrem Papa wohnen möchte, weil er "chilliger ist, die bessere Soundanlage hat und ich dort viel lauter und auch noch spät abends Musik hören kann".
Auch weil es das ehemals gemeinsame Familienhaus ist und "ich dort aufgtewachsen bin und das mein richtiges Zuhause ist".
Das war hart für mich. Ich habe Angst, dass wir uns verlieren. Sie ist sehr endgültig in ihrer Entscheidung und sagt, wir können uns ja ab und zu mal sehen. Natürlich frage ich mich, was ich falsch gemacht habe, dass sie sich so endgültig für den Wohnort bei ihrem Papa entschieden hat. War ich zu streng, war ich zu wenig für sie da (ich arbeite Vollzeit). Antwort von ihr: "Du nervst halt mehr als der Papa".
Am Freitag hat sie ihren Umzug geplant, sie will ALLES aus ihrem Zimmer hier bei mir mitnehmen. Es fühlt sich schrecklich an, weil ich richtig Angst habe, dass ich sie verliere.
Ergänzend muss ich sagen, dass meine Tochter aufgrund einem Gendefekt einen angeboren Herzfehler hat und seit ihrem 5. Lebensjahr Tumorbildungen im Kieferbereich, d.h. sie wurde schon oft operiert und ich habe sie immer ins Krankenhaus begleitet, war Tag und Nacht an ihrer Seite. Natürlich hatten wir extrem viele Sorgen um dieses Mädchen. Jetzt wirft sie mir vor, dass ich ständig frage ob alles in Ordnung ist, Ende März musste sie als Notfall in die Klinik, weil sie eine Anämie hatte, die nach wie vor engmaschig in der Uniklinik kontrolliert wird. Im Auugst steht ein Aufenthalt im Herzzentrum an und in zwei Wochen ein MRT vom Kiefer um zu kontrollieren, ob wieder eine Tumor-OP notwendig ist.
Alles ganz schön viel für ein junges Mädchen. Sie spricht nicht mehr mit mir über ihre Ängste ("ich werde über die Krankheit nicht reden!"), hat sich komplett zurückgezogen und macht alles nur noch mit ihren Freundinnen aus.
Kurzum....sie ist mir in den letzten zwei Wochen extrem fremd geworden. Und ich bin unsicher, wie ich mich richtig verhalten soll.
Allerdings sagt sie sehr klar, dass ich sie auf jeden Fall ins Herzzentrum und zu einer möglichen OP begleiten soll. Aber sonst soll ich mich bitte raushalten, weil der Papa chilliger ist.
Bin sehr dankbar für einen Rat.
Guten Morgen liebe Radiohead,
ich kann es total gut nachfühlen und verstehe gut, dass es Ihnen erstmal nicht leicht fällt, sich diese Veränderung vorzustellen. Schön, dass Sie damit nicht alleine bleiben und darüber hier schreiben, wie es Ihnen geht.
Noch habe ich aus Ihren Offenbarungen nicht gelesen, wie der Vater es findet und ob er das möchte, dass die Tochter zu ihm zieht? Es ist ein Wunsch der Tochter. Kann und will er das leisten: mit einem Teenager den Alltag komplett gestalten? Wie werden Sie als Mutter dann involviert sein? Ich nehme an: genauso wie vorher in die Bereiche der Gesundheitsfürsorge und andere Entscheidungen, die wichtig sind. Auch gibt es sicherlich Umgangszeiten mit Ihnen. Diese würde ich auf jeden Fall auch mit der Tochter vorher überlegen. Aber Schritt für Schritt erstmal.
Sie schreiben, dass es für einen Teenager nicht leicht ist, in einem Wechselmodell zu leben und zwei Zuhause zu leben. Ich würde sagen, dass es für keinen von uns leicht wäre zwei Zuhause zu bewohnen: vom Alter unabhängig. Ist es ein Stück Selbstfürsorge oder etwas, was Ihre Tochter vielleicht merkt und Ihnen offen mitteilt. Nehmen Sie es erstmal an, ohne zu werten oder auf sich zu beziehen, auch ohne zu analysieren. Das ist ein gesundes Bedürfnis, das wir alle haben: ein Zuhause zu haben.
Bitte seien Sie freundlich zu sich und nehmen Sie es auf keinen Fall persönlich, was Ihre Tochter Ihnen gerade zumutet. Es ist ein Zeichen der Reife, Autonomie und einer guten Beziehung, wenn Sie sich traut so ehrlich zu sein und überlegt, was gut für sie wäre. Ob Sie es als Eltern zulassen, ist andere Sache.
Ich versende Ihnen ganz viel Mitgefühl und eine Kraft um loszulassen und gute Entscheidungen gemeinsam mit Ihrem Teenager zu treffen!
Hoffe auch sehr, dass Sie hier bei uns einige Beiträge erhalten und Worte bekommen, um weiter mit Zuversicht und Mut zu gehen.
Sonnige Grüsse
bke-Kira-Morgenthal
Vielen Dank für die Antwort. Ich hatte immer den Eindruck, dass wir eine sehr innige und besondere Beziehung haben. Jetzt kann ich das alles gar nicht mehr einordnen. Ich habe das Gefühl, dass ich die schlechteste und ungewollteste Mama bin. Dieser Schnitt, den sie gerade macht ist so hart für mich.
Der Kontakt zwischen uns Eltern ist sehr gut, durchaus gibt es aber unterschiedliche Auffassungen bei Themen wie Mediennutzung etc.
Eine feste Regelung für Besuche oder Treffen möchte sie zur Zeit nicht festlegen. Sie hat sich komplett von mir zurückgezogen. Wenn ich das Gespräch suche sagt sie nur "du musst akzeptieren, dass ich 14 bin und kein Grundschulkind mehr".
Wahrscheinlich ist es auch verständlich, dass ein Teenager nicht mehr im Wechselmodell leben möchte, sondern einen Ort und ein Zimmer haben möchte, wo all die Dinge sind, die ihm wichtig sind. Und für sie ist das ehemalige gemeinsame Familienhaus ihr richtiges Zuhause, das waren ihre Worte.
Hallo Radiohead,
herzlich Willkommen hier im Forum der bke-Onlineberatungsstelle. Ich bin bke-Betty Vlok und darf sie im Namen des Moderations-Teams herzlich begrüßen.
Sie schreiben von ihrer 14-jährigen Tochter, die für sich entschieden hat, aktuell lieber beim Papa zu wohnen. Sie nehmen Ihre Tochter ernst und lassen diese Entscheidung zu, gleichwohl Sie um Ihre Beziehung fürchten. Ich kann mir vorstellen, dass es kein leichter Schritt war. Und muss ja auch keine Entscheidung für immer sein.
Sie berichten, dass Ihre Tochter Sie bei den wichtigen OPs unbedingt dabei haben möchte und da nicht auf Sie verzichten kann - klingt in meinen Ohren schon nach einem Hinweis einer innigen Beziehung, wenn Sie der nötige Halt sind in solche schweren Situationen. Vielleicht können Sie sich in der kommenden Zeit vor allem gedanklich an solchen Situationen festhalten? Was macht ihren gemeinsamen Beziehungsboden aus?
Darf ich fragen, wie Sie mit dem Vater in Kontakt stehen? Können Sie sich austauschen und werben Sie beide auch jeweils für den anderen Elternteil? Wird es regelmäßige Treffen mit Ihrer Tochter geben, wie so oft im Residenzmodell? Jedes zweite Wochenende oder ähnliches?
Liebe Eltern hier im Forum - ich nehme an, viele von Ihnen kennen diese Situation. Was können Sie dazu berichten?
Neugierige Grüße
bke-Betty Vlok